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Roibusch-Tee und Eiweiß-Drink ersetzen Dianas Kaffee-Konsum

Mit einem Seitenblick nach Brasilien und auf die dortigen Fasten- und Karnevalstraditionen

„Ein bisschen hart“ fand Diana ihren ersten Fastentag ohne Kaffee. Zur Erinnerung: Vier Mädels aus unserem Büro wollen in den 40 Fasten-Tagen bis Ostern auf Süßigkeiten, ihre Smartphones und Kaffee verzichten.

Diana ist die „Kaffeetante“ unter uns. Bis zu 8 Tassen trinkt sie täglich, sie liebt den Geschmack und genießt das Ritual, das starke Gebräu in Ruhe zu trinken. Und obwohl ihr eigentlich fast immer schlecht ist, wenn sie ihre nicht unerhebliche Kaffeemenge über Tag aufnimmt, verzichtet sie darauf nur ungern. Nach jeder Vorlesung an der Uni ist eigentlich ein Tässchen fällig. „Alle haben dann einen Becher Kaffee in der Hand“, erzählt sie. Und weil sie gerade eine besonders harte Phase ihres Studiums erreicht hat, ist sie von 8 bis 18 Uhr an der Uni – und umgeben von Kaffee trinkenden Kommilitonen.

Aber: „Ich bin diszipliniert. Wenn ich mir etwas vornehme, dann schaffe ich es“, sagt Diana und nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee-Ersatz-Getränk. Ein mit Eiweißpulver und Milch gemixter Energie-Drink. Selbst wenn ihr Freund (und das passiert ziemlich häufig) Kuchen mit nach Hause bringt, bleibt Diana standhaft und brüht sich dazu – statt Kaffee – einen Roibusch-Tee.

Diana ist gebürtige Brasilianerin. Die Fastentradition in ihrem Heimatland hat eine lange Geschichte, und auch in ihrer Familie wird sie gelebt. Von den einen mehr, von den anderen weniger streng … Aber dazu in einem späteren Blogpost. Hier erst einmal zu den geschichtlichen Hintergründen:

Die Fastenzeit und die Historie des Karnevals in Brasilien

Es waren die Portugiesen, die den Karneval in die ehemalige südamerikanische Kolonie gebracht haben – aber es waren die Brasilianer, die die Tage vor der Fastenzeit zum größten Volksfest der Welt in ihrem Land verwandelten.

Die Zeit vor den Fastentagen war im 16. und 17. Jahrhundert in Portugal eine ausschweifende, hemmungslose Zeit – eine Zeit der maßlosen Völlerei. Vor allem Fleisch kam in Mengen auf den Tisch. Selbst im ärmsten Haus wurde ausgiebig gefeiert. Jeder, der es sich leisten konnte, lud Freunde ein und feierte.

Im Jahre 1723 wurde dieses Treiben unter dem Namen „Entrudo“ in Südamerika bekannt. Ganz frühe Zeugnisse des Karnevals stammen aus dem brasilianischen Bundesstaat Pernambuco und seiner Hauptstadt Recife, Dianas Heimat. Sie ist stolz darauf, dass dieser ursprüngliche, kulturell motivierte Karneval, der bereits Ende des 17. Jahrhunderts von den Nachkommen afrikanischer Sklaven gefeiert wurde, ausgerechnet die Wurzel in ihrer Heimat hat. Und zugleich ist sie traurig, dass die Menschen weltweit bei dem Wort „Karneval“ fast nur das Mega-Volksfest in Rio de Janeiro vor Augen haben.

In Pernambuco tanzten keine leichtbekleideten, glitzernden Damen auf den Straßen. Sondern Sklaven, die ausschließlich in der Vorfastenzeit ihre Traditionen und Religion öffentlich leben durften, zelebrierten tanzend das Krönungs-Fest des Königs „Festa de Reis“. Der Tanz heißt Maracatu, der sich aus der Musik und der Tradition der afrobrasilianischen Sklaven entwickelt und verbreitet hat.

Diana liebt es, zur Karnevalszeit in Ihre Heimat Brasilien zu reisen und beim Aufmarsch der Maracatu-Tänzer dabei zu sein, die, in schwere Kostüme gehüllt, zu Fuß aus den vielen umliegenden Dörfern kommen, um ihre alten Traditionen hochzuhalten.

Von Jahr zu Jahr etablierte sich der Karneval immer mehr in der brasilianischen Gesellschaft. Um jedoch an die europäischen (portugiesischen) Traditionen jenseits des Atlantiks anzuknüpfen und sich vom „gemeinen Volk“ abzuheben, wurden um 1840 auf Betreiben des höheren Bürgertums Maskenbälle in Brasilien eingeführt, die nur von Priviligierten besucht werden durften.

Die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1888 brachte dann aber eine neue Errungenschaft im karnevalistischen Treiben Brasiliens mit sich: Denn die ehemaligen Sklaven feierten ihre erlangte Freiheit ausgelassen mit Tänzen und Musik. Auch in Recife entstanden jetzt die ersten Karnevalsvereine, die sich auf die Maracatus und die alten Königs-Krönungs-Zeremonien gründeten.

Aus diesen Karnevalsclubs entwickelten sich Sambaschulen, die heute von maßgeblicher Bedeutung für den Karneval sind. 1935 wurde der Karneval in Rio, wie wir ihn heute kennen, geboren. Es ist der Wettstreit der Sambaschulen, deren Tänzer aufwändig geschmückt und bemalt am Sonntag und Montag vor Aschermittwoch durch die nächtlichen Straßen der Hauptstadt ziehen und Jahr für Jahr zehntausende Touristen anlocken.

Die 40-tägige Fastenzeit bis Ostern, die dann ab Aschermittwoch folgt, war für die gläubigen Brasilianer gespickt mit Verboten. Vor allem der Verzehr von Fleisch (port.: carne) war untersagt. Von diesem Wort leitet sich übrigens auch der Begriff „Carneval“ ab, der aus dem Lateinischen übersetzt soviel wie „Abschied vom Fleisch“ bedeutet.

Heute essen viele Menschen in Brasilien in der Fastenzeit bis zur Mittagszeit ganz einfach gar nichts und nehmen dann nur eine einfache Mahlzeit zu sich. Das Fasten wird aber vor allem von Gebet und geistlichen Aktivitäten begleitet.

24.03.2014Schlagwörter zu diesem Artikel

 
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