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Rezension: „Samba tanzt der Fußballgott“ von Mirco Drewes

Mensch, hab ich beim Lesen so manches Mal gedacht: Wenn mir jetzt noch mein ehemaliger Kollege Martin gegenüber sitzen würde, dann könnte ich so richtig gegenan stinken! Martin wusste alles über Fußball. Nicht nur, in welchem Jahr welche Mannschaft bei einer WM/EM auf welchen Platz kam. Viel zu puppig. Nein, auch so marginale Dinge, warum Spieler X nie trifft, wenn er im gelben Shirt spielt, welcher berühmte Kicker als Kind in welchem kleinen Club angefangen hat und wieso Spieler Z beim alles entscheidenden Spiel ausgerechnet mit links aufs Tor schoss … So ein Kollege war das. Und er war es auch, der mir stets zu erklären versucht hat, dass Fußball viel mehr ist als ein Sport, bei dem (im günstigsten Fall) 20 Spieler einem Ball hinterherlaufen und 2 rumstehen. Kapiert hab ich`s nie so richtig.

Aber jetzt, nachdem ich mich zur Einstimmung auf die Fußball-WM in Brasilien in das Buch „Samba tanzt der Fußballgott“ vertieft habe, könnte ich mitreden. Mehr als das sogar! Ich weiß jetzt ziemlich viel über dieses sehr einfache Spiel namens Fußball, das so komplex und von Bedeutung – politischer Bedeutung – sein kann. Ich verstehe langsam, warum es „König Fußball“ heißt und warum das Spiel Menschen rund um den Erdball fasziniert. Vor allem aber weiß ich alles über die Halbgötter Brasiliens namens Pelé, Romário, Ronaldinho, Rivaldo, Ronaldo etc. Ich bin ein Klugscheißer geworden!

Das habe ich Mirko Drewes zu verdanken, der dieses Buch über Brasiliens Fußball zwischen Genie und Wahnsinn anlässlich der bevorstehenden WM in Brasilien geschrieben hat. Er sagt: „Das Herz des Fußballs schlägt in Brasilien“ und erklärt mit einer kaum zu widerlegenden Logik, warum nur die Brasilianer den besten Fußball der Welt spielen können – den „jogo bonito“ – und warum diese beneidenswerte Anhäufung an Ausnahme-Talenten im Land am Zuckerhut ganz normal ist … Soll ich verraten, woran es liegt? Es liegt am Ginga. Ha! Bevor ich jetzt aber versuche, Ginga zu erklären, schlage ich vor, Sie lesen S. 14 und S. 114 – besser als Mirco Drewes kann ich es nämlich nicht in Worte fassen.

Wenn also die fußballbegeisterte Welt in wenigen Wochen nach Brasilien, das größte Land Lateinamerikas, schaut, bin ich dabei. Bei dieser WM sogar mit ordentlich Hintergrundwissen. Ich werde (hoffentlich) einzelne Spielzüge verstehen und besonders bei der Brasilianischen Mannschaft ganz genau hinsehen. Und dann werden mir Namen (wohlgemerkt: allesamt Mega-Fußballer – auch wenn man das angesichts der Lebensläufe manchmal nicht recht glauben mag) durch den Kopf gehen. Zum Beispiel der von Kettenraucher Sokrates, der die freien Diskussionsabende der Intellektuellen und Künstler Sao Paulos besuchte und ein Wegbereiter der Demokratie in Brasilien war. Oder der von Garrincha, der, an den Beinen deformiert, in allerärmlichsten Vorstadt-Verhältnissen aufwuchs, mit 10 Jahren an der Flasche hing, als unbelehr- und untrainierbar galt und zum genialsten Dribbling-Star aller Zeiten wurde. Oder der von Romário, der es als armer Junge aus einer Favela aufgrund seiner – wie er selbst sagt – „Auserwähltheit“ nach ganz oben geschafft hat, zur „launischen Diva“ und zum „Skandalvogel“ wurde – Knastbesuch und Kongress-Mitgliedschaft inklusive – und von den fußballbegeisterten Massen immer wieder begnadigt wurde …

Ich weiß jetzt, dass es tatsächlich Spieler gab oder gibt, die – auf Deutsch gesagt – nicht bis drei zählen konnten oder können, aber mit einem überirdischen Talent gesegnet waren oder sind. Dass hinter großen Namen gleichwohl begnadete Straßenkinder, besessene Leistungssportler oder clevere Karrieristen stecken. Dass es einmal einen Arthur Friedenreich und einen Leonidas gegeben hat, die im Kampf gegen die Rassendiskriminierung das „öffentliche Bewusstsein dahingehend wandelten, dass man sich für hervorragende dunkelhäutige Spieler auch international nicht zu schämen brauchte“. Mirco Drewes formuliert es so: „Die beiden großen Spieler hatten mit ihrem Auftreten und ihren sportlichen Leistungen einen nicht geringen Anteil an der Überwindung der schlimmsten Auswüchse rassistischen Denkens.“

Und was ist mit Pelé? Er war doch meines Wissens immer der Vorzeige-Fußballer. Aber der Mensch hinter dem „größten Fußballer aller Zeiten“ kommt bei Drewes nicht so gut weg, obwohl er hier seine Worte feinfühlig wählt. Er schreibt: „Für die arme und unterdrückte Mehrheit in seiner Heimat wäre ein couragierter Mensch namens Pelé wertvoller gewesen, als die inszenierte Glamourgestalt, in deren Ruhm sie ihre Sorgen vergessen sollten, ohne doch je Anteil an seinen Privilegien nehmen zu können.“

Fußball ist also wirklich viel mehr als mein Vorurteil mir zugestanden hatte. Ja, Martin, Du hattest Recht! Fußball ist definitiv ganz viel Politik, das habe ich nach der spannenden und wirklich aufschlussreichen Lektüre der mehr als 300 Seiten verstanden. Es ist unglaublich, welch tolle Recherche-Arbeit der Autor geleistet hat, um die Lebensläufe der Spieler nachzuzeichnen und sie in den jeweiligen zeitlichen Kontext zu stellen. Und es ist noch unglaublicher, wie er ganze Fußball-Spiele oder einzelne Spielzüge im Detail beschreibt. Wie hat er das geschafft? Hat er sich die Spiele immer wieder und wieder angesehen? Ich befürchte es …

Aufgesaugt habe ich aber vor allem die Textpassagen, wenn Drewes von dem tief verwurzelten Aberglauben der brasilianischen Spieler erzählt, Mythen und Voodoo-Zauber am Spielfeldrand beschreibt und deren Folgen ? Dass eine Mannschaft auf ein Zeichen von oben – oder besser gesagt, auf ein Zeichen aus dem Meer – hin die Farbe ihrer Trikots wechselt, ist ja noch harmlos. Auch, dass die Botafogo-Mannschaft, deren Bus sich auf dem Weg zu einem Spiel in falscher Richtung in eine Einbahnstraße begeben hatte und umkehren wollte, lieber zu Fuß zum Stadion lief mit der Begründung „Botafago geht niemals rückwärts. Das bringt Unglück“, ist noch vertretbar. Aber wenn Vascos Fans das gesamte Spielfeld nach einem Unglück bringenden Frosch umbuddeln mussten, um ihrem Verein endlich zum Meisterschafts-Sieg zu verhelfen, nimmt das schon größere Ausmaße an …

Marco Drewes schreibt: 2014 könnte „die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten werden.“ Denn obwohl „die brasilianische Elf bei der WM 2010 den womöglich langweiligsten Fußball ihrer Turniergeschichte präsentierte“, sind es die unbeschwerten Ballzauberer vom Zuckerhut, die mit ungehemmter Spielfreude und der Samba im Blut der Schönheit des Spiels huldigten“ – und hoffentlich huldigen werden. Ich freue mich schon!

Mirco Drewes
Samba tanzt der Fußballgott
Vergangenheitsverlag
ISBN 978-3-86408-158-3
12,90 Euro

Bibliographische Angaben ohne Gewähr.

26.05.2014Schlagwörter zu diesem Artikel

 
Insider-Wissen über Brasiliens begnadete Talente, Legenden, Mythen und Voodoo
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Gruppenreise Brasiliens Kontraste

Rio, Schifffahrt Amazonien, Lençois Maranhenses, Salvador

Diese Gruppenreise durch Brasilien entführt uns in die Tiefen des tropischen Regenwaldes und die Dünenwelt des Nationalparks Lençois Maranhenses. Ein im Wortsinne eindrucksvolles Programm, das sich zwischen Rio de Janeiro und Manaus, Sao Luis de Maranhao und Salvador da Bahia aufspannt.

Highlights:
  • Rio de Janeiro
  • Schifffahrt in Amazonien
  • Wüsten und Lagunen in Lençois Maranhenses
  • Salvador
  • optionales Verlängerungsprogramm an den Wasserfällen von Iguacu oder am Strand
 
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