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Die Schlacht um die versunkene Galeone „San José“

Schatzschiff soll vor Kolumbien gehoben werden – Bis zu 15 Milliarden Euro an Bord

Im Juni 1708 tobte vor der Halbinsel Barú südlich der kolumbianischen Hafenstadt Cartagena eine Seeschlacht, die ganz aktuell Regierungen und Gerichte beschäftigt – und gleichermaßen die Fantasie von Schatzsuchern beflügelt. Denn in dieser Schlacht explodierte die spanische Galeone San José und mit ihr sanken Millionen Gold- und Silbermünzen sowie kistenweise Edelsteine und Smaragde auf den Meeresgrund.

Als Wissenschaftler Ende 2015 Teile des Wracks vor der Hafenstadt Cartagena entdeckten und fotografierten, war das eine archäologische Sensation. Die Schätzungen zum Wert der Ladung reichen von drei bis 17 Milliarden US-Dollar (2,67 Mrd. bis 15,15 Mrd. Euro). Aber wem das Schiff gehört – und der Schatz! – das ist ein riesiges Streitthema.

Cartagena, Kolumbien, Nachtansicht
Cartagena bei Nacht.

Obwohl Spanien längst seinen Status als Großmacht verloren hatte, fuhren seine „Silberschiffe“ immer noch voll beladen mit Schätzen aus dem südamerikanischen Kolonialreich nach Europa. Es war im Jahr 1708, als sich im Hafen Portobelo in Panama wieder Handelsschiffe versammelten, um Reichtümer zu verladen und in die Zentrallager in Cartagena zu schaffen. Drei schwer bewaffnete Galeonen sollten die Flotte begleiten. Eine dieser Galeonen war die „San José“. Mit 600 Mann Besatzung und 60 Kanonen war das Schiff gut bestückt.

Und das war auch notwendig, denn im Süden der Karibik kreuzte eine englische Flotte unter Admiral Charles Wager. Seit 1701 befand sich Spanien im Rahmen des Spanischen Erbfolgekrieges im Kriegszustand mit Großbritannien. Britische Kriegsschiffe versuchten dabei immer wieder die spanischen Silberflotten zu kapern. Es galt sich zu entscheiden. Jetzt übersetzen und riskieren, dass die Briten angreifen? Oder warten und in die gefährliche Hurricane-Zeit geraten? Kapitän José Fernández de Santillán gab das Kommando zur Abfahrt … Mit an Bord seines Flaggschiffs, die mehr als 1.000 t schwere San José,  344 Tonnen Silber- und Goldmünzen sowie 200 Tonnen Edelsteine.

Es wurde eine Fahrt ins Verderben: Denn die Engländer wussten natürlich von der wertvollen Ladung, als sie die Flotte am 7. Juni  30 Kilometer vor Cartagena angriffen. Die Seeschlacht von Barú dauerte fast zehn  Stunden. Aber die Briten führten sie so, dass die Schiffe möglichst unbeschadet blieben, um die Fracht nicht zu gefährden. Die Überlieferung sagt, dass es ein Zufallstreffer gewesen sein muss, der eine Pulverkammer der „San José“ zur Explosion brachte. Das Flaggschiff sank – 578 Seeleute kamen ums Leben, nur 11 wurden gerettet.

Strandansicht in Kolumbien
Kolumbien: Blick vom Strand auf das Meer.

Und seit diesem historischen Ereignis träumen Schatzsucher aus der ganzen Welt davon, diesen Schatz zu haben. Doch das Meer vor der Halbinsel Barú ist tief, und erst seit den 70-er Jahren war die technische Entwicklung so weit voran geschritten, dass überhaupt eine Bergung in den Bereich des Möglichen rückte. Es gründeten sich Unternehmen, die sich eigens auf die Ortung von Wracks und wertvoller Ladung spezialisierten.

1981 machte sich solch eine Firma aus den USA namens Sea Search Armada auf, die Reste der „San José“ zu suchen. Sie wurde fündig. Doch zu einem Bergungsversuch ist es nie gekommen, denn sofort kochten Besitzansprüche hoch, Fragen nach dem Anteil am Schatz, es war von gefälschten Dokumenten die Rede und von einer nie erteilten Legitimität auf Unterwasser-Untersuchungen. Gerichtsprozesse blockierten das Unterfangen. 2011 wurde den Ansprüchen Kolumbiens stattgegeben.

Wieder vergingen Jahre, bis 2015 ein Team des Archäologischen Instituts von Kolumbien das Wrack der „San José“ genau lokalisierte. Eine Sensation. Aber nicht unumstritten. Denn Sea Search Armada behauptet, dies sei nur möglich gewesen, weil die Koordinaten bekannt waren. Kolumbien behauptet aber, dass die Entdeckung davon unabhängig erfolgt sei. Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos sprach umgehend vom „wertvollsten Schatz in der Geschichte der Menschheit.“ Santos will die Münzen, Edelsteine, Smaragde, Wrackteile, Waffen und vieles mehr in einem Museum ausstellen. Sollte es tatsächlich einmal soweit sein, dürfte das ein weltweiter Besucher-Magnet werden, der einem Land dennoch nicht ansatzweise das zurückgeben kann, was ihm in der Zeit der spanischen Besetzung abgeschröpft wurde.

Dabei dürfte sich die Bergung des Wracks als schwierig herauskristallisieren. Denn der Fundort liegt in etwa 600 m Tiefe –  für Menschen nicht erreichbar. Roboter und Sensoren sollen zum Einsatz kommen. Und wenn die Wrackteile gehoben sind, steht die nächste Herausforderung bevor: Die Konservierung von Holzteilen des 1698 von Pedro de Aróstegui in Guipúzcoa/Spanien gebauten Schiffs, Metall und Keramik.

Doch wann das Wirklichkeit werden kann, steht gelinde gesagt, in den Sternen. Denn Spanien hatte nach der Entdeckung der Galeone umgehend Besitzanspruch angemeldet. Und weitere Prozesse werden folgen. Denn Madrid erinnert an eine Konvention der UNESCO über den Schutz von Gütern auf dem Meeresgrund. Danach gehören gesunkene Kriegsschiffe dem Staat ihrer Herkunft. Die Krux dabei: Kolumbien hatte die Konvention nicht unterschrieben.

Dann schwenkte Madrid um: Man solle das Wrack doch auf dem Meeresgrund liegen lassen, um den hunderten Spaniern, die dort den Tod fanden, ewige Ruhe zu geben. Spaniens Minister für Auswärtige Angelegenheiten, Alfonso María Dastis, wurde mit folgenden Worten zitiert: „Bei dem Wrack handelt es sich um ein Staatsschiff mit souveräner Immunität“. Der Fundort habe den „Status eines Unterwassergrabs“, die Galeone sei „Teil des spanischen Kulturerbes“. Die US-Firma Sea Search Armada dagegen erwägt „weitere rechtliche Schritte“. Beispielsweise wegen Verletzung eines Handelsabkommens zwischen den USA und Kolumbien.

Kolumbiens Präsident Santos aber bekräftigt im Juni 2017 seine Absicht, die „San José“ mitsamt aller Schätze heben zu lassen. Er betonte die immense wissenschaftliche Bedeutung des Projekts. Wichtiger als das Geld sei das große archäologische Erbe. Die ganze Welt soll von dem Sensationsfund profitieren – nicht nur einige Schatzsucher. Details und einen Plan zur Bergung habe eine staatlich-private Partnerschaft in den vergangenen Monaten erarbeitet. Das Wrack gehöre zum kulturellen Erbe der Kolumbianer und sei unveräußerlich, wurde zudem der Leiter des archäologischen Programms an der Universidad Externado de Colombia zitiert. „Der Fund erlaubt uns, die Handelsrouten zwischen Spanien und seinen Kolonien in Amerika zu verstehen und etwas über die Lebensweise der Menschen und die Schifffahrtstechnik dieser Epoche zu erfahren.“

Im April 2018 nun gibt es eine erste Schätzung, wie hoch die Kosten sein werden, um das Schiff bergen zu können: 71 Millionen US-Dollar! Das Geld soll nicht aus öffentlichen Mitteln kommen, sondern von einer von einer öffentlich-privaten Partnerschaft. Kosten fallen an unter anderem für die Planung, den Bau, den Betrieb und die Instandhaltung der damit verbundenen öffentlichen Infrastruktur, die aus einem Labor für die Konservierung von Materialien und einem Museum besteht.

Wie wird sich Spanien verhalten, wenn Kolumbien die Galeone hebt? Denn in Madrid ist das Thema natürlich keineswegs abgehakt! Diplomaten, Militärs, Seeleute und Historiker haben es auf dem Zettel. Antonio Jose Rengifo, Seerecht-Experte von der Kolumbianischen Nationalen Universität Antonio Jose, kämpft seit fast 20 Jahren vor ausländischen Gerichten um die Rechte Bogotas auf diese Galeone. Der Experte sagt, man dürfe Madrid „die Militärmacht, die mehrmals Gerichtsverfahren zu Galeonen gewann, mit ihrer großen Diplomatie, die sehr effektiv funktioniert“ nicht unterschätzen.

Es wird weiterhin spannend sein, zu verfolgen, wie diese Schlacht vor Cartagena um die versunkene „San José“  weiter gehen wird.

13.12.2017Schlagwörter zu diesem Artikel

 
Segelschiff im Sonnenuntergang von Pixabay

 


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