América Andina - 20 Jahre Reisen in Lateinamerika
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Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – sondern auch von Kunst und Musik

Rainer Lamotte über die Pan-y-Arte-Projektreise 2015

Rainer Lamotte aus der Pfalz ist zurückgekehrt aus Nicaragua – und er hat viel zu erzählen! Der 68-jährige Dekan im Ruhestand hatte die Teilnahme an unserer jährlichen Projektreise, die wir gemeinsam mit unserem Partner Pan y Arte e. V. anbieten, gewonnen. Was Rainer Lamotte in Nicaragua erlebt hat, seine Einblicke in die Projektarbeit (die ausschließlich durch Spenden möglich ist) und seine persönlichen Eindrücke von Land und Leuten schildert er uns in einem ausführlichen Reisebericht. Ergänzend dazu haben wir ihm ein paar Fragen gestellt.

América Andina: Herr Lamotte, Sie haben schon die ganze Welt bereist: China, Japan, Korea, Indonesien, Indien, der Nahe Osten, Ghana und Südafrika. Aber auch Kanada und verschiedene Länder in Europa standen auf Ihrer Reiseliste. Was war für Sie – als Viel-Gereister – Ihr erster Eindruck von Nicaragua?

Rainer Lamotte: Nach mehreren Afrika-Reisen war ich über den hohen Entwicklungsstand in Nicaragua – ehrlich gesagt – überrascht. Feste Häuser, oft befestigte Straßen, viele Flächen sind landwirtschaftlich genutzt. Das hat mich schon überrascht! Die Leute haben ihre Häuser oft gut gepflegt.

América Andina: Sind Sie eigentlich vielen Touristen begegnet? Oder ist Nicaragua immer noch ein Geheimtipp für Entdecker?

Rainer Lamotte: Ich habe schon den Eindruck, dass Nicaragua noch ein Geheimtipp für Touristen ist. Nur in Granada beim Poesie-Festival sind wir richtig vielen Touristen – aus aller Welt – begegnet. Bei den Naturschönheiten oder an historischen Stätten waren es deutlich weniger. Ich weiß nicht, ob das an der Jahreszeit lag? Mir schien diese Reisezeit optimal! Für uns war es gut, es war nicht so überlaufen, man musste nirgends lange warten! Nicaragua aber als Ganzes hat deutlich mehr Touristen verdient, und es scheint, wie unsere Erfahrung gezeigt hat, Nicaragua ist eigentlich auch auf mehr Touristen vorbereitet. Man wird nicht nur kulinarisch verwöhnt, sondern auch herzlich begrüßt und rund herum bestens versorgt. Wissend, dass wir mit unserer deutschen Reiseleiterin Ulla Nimpsch-Wiesker von ‚Pan y Arte‘ und unserem nicaraguanischen Reiseleiter Francisco besonderes Glück hatten.

Nach individueller Anreise trafen sich die Reiseteilnehmer am 9. Februar spät abends im Hotel in Managua. Gleich am nächsten Tag sollte mit dem Besuch des von „Pan y arte“ im Wesentlichen mitfinanzierten Projektes „Música en los Barrios“ – „Musik in den Stadtvierteln“ ein erster Höhepunkt der Reise folgen.
„Auch wenn dort die Ferien gerade erst beendet sind und der Betrieb langsam wieder anläuft, kommen doch einige Kinder, um uns Hörproben vom Stand ihrer musikalischen Ausbildung zu geben. Die strahlenden Gesichter der Kinder und Studierenden bei der Vorstellung lassen ahnen, dass diese musikalische Früherziehung weit mehr ist als nur Musikunterricht. Sie ist auch ein Lernen und Reifen fürs Leben.

Projekt-MusicaZunächst werden wir anhand einer Präsentation und verschiedener Video-Clips in die Projektarbeit eingeführt, die in zwölf verschiedenen Stadtrandvierteln in Managua angeboten wird. Das Projekt existiert mittlerweile seit 22 Jahren. Die Erfolge sind sichtbar: Aus vielen ehemaligen Schülern sind Lehrkräfte geworden. Insgesamt 800 Schülerinnen und Schüler werden in den Stadtvierteln erreicht. Etwa 60 Studenten werden einzeln an verschiedenen Instrumenten ausgebildet, Workshops für Grundschullehrkräfte werden angeboten.

Die Musikalische Früherziehung bildet einen Schwerpunkt der Arbeit, die von Freiwilligen aus Deutschland und Österreich jedes Jahr unterstützt wird. Die Schülerinnen, Schüler und Studierenden müssen neben den Fahrtkosten auch eine kleine Teilnahmegebühr aufbringen, ganz nach dem Motto „Was nichts kostet – taugt nichts!“ Doch wo auch das nicht möglich ist, hilft das Projekt mit Stipendien aus.

„Die Musik nimmt den Staub vom Alltag der Seele“, sagt die Leiterin zum Abschluss ihrer Präsentation. Sie hat selbst einmal als Schülerin mit musikalischer Früherziehung in diesem Projekt begonnen. Kein Einzelfall. Mancher studiert heute sein Instrument weiter an der Musikhochschule.
Fazit: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ – sondern auch von der Kunst und der Musik. Es sind sehr gut angelegte Spendengelder, kann ich nur sagen. Ein in jeder Hinsicht überzeugendes Projekt, das – so hat man den Eindruck – von allen Beteiligten mit viel Herzblut betrieben wird. Man wünscht jedem, der Pan y Arte finanziell unterstützt, sich selbst einmal vor Ort ein Bild machen zu können. Ich bin für diese Erfahrung und diesen Eindruck jedenfalls sehr dankbar.

América Andina: Wie haben sich die Kinder gegenüber den Besuchern aus Deutschland verhalten?

Rainer Lamotte: Wir kamen ja zu einem etwas ungünstigen Zeitpunkt. Wegen der Ferien hatten die Musica-Projekte noch nicht oder eben gerade erst begonnen. Noch waren nicht alle Kinder da. Aber viele wurden benachrichtigt und kamen extra für einen kurzen Besuchstermin angereist. Man hat ihre Leidenschaft gefühlt, ihr großes Engagement gespürt und vor allem auch ihre Ernsthaftigkeit, mit der sie ihr Instrument, egal ob Flöte oder Geige, spielen. Ich muss gestehen, dass ich als ehemaliger Geiger mit insgesamt neun Jahren Geigenunterricht von dem hohen Niveau der musikalischen Kompetenzen der Kinder der unterschiedlichsten Altersstufen wirklich überrascht war!

Von Managua ging die Reise weiter in die UNESCO-Weltkulturerbestätte León, wo die Gruppe mehr touristische Eindrücke sammelte. In Las Peñitas machen wir am dritten Tag unserer Reise einen außerplanmäßigen Abstecher zu zwei Frauenprojekten in El Fosso, die aus Deutschland vom Hamburger Marie-Schlei-Verein (benannt nach der 2. Entwicklungshilfeministerin der Bundesrepublik Deutschland) unterstützt werden. Dort bauen Frauen in einer Genossenschaft Gemüse an, das sie auf dem Markt der nächstgelegenen Stadt verkaufen und somit einen wichtigen Beitrag zum Familieneinkommen leisten.

Nur mit einem geländegängigen Allradfahrzeug erreichen wir das zweite Projekt. Auch dort wird mit Gemüse- und Gewürz- und Kräuteranbau zusätzliches Familieneinkommen erwirtschaftet. Hinzu kommen Erlöse aus dem Verkauf von Obst, Schweinen und Hühnern. Die Frauen erhalten Anteilscheine am Sparguthaben, sodass sie auch kleine Kredite an einzelne vergeben können, um z. B. Saatgut zu kaufen. Ein erfolgreiches Projekt, das sowohl flächenmäßig als auch von den Beteiligten her erweitert werden soll. Auch neue Produkte sollen auf den Markt gebracht werden, z. B. Erdnüsse. Und nicht zuletzt wird an den Bau eines Bewässerungssystems gedacht und an die Anschaffung eines Fahrzeuges, um die Produkte besser vermarkten zu können. Eine sehr gelungene Hilfe zur Selbsthilfe.

Am nächsten Tag geht es nach San Carlos ganz im Süden Nicaraguas und von dort weiter mit dem Boot über den Río San Juan, der den Nicaragua-See mit der Karibik verbindet, bis zur Sabalos-Lodge. Wir tauchen ein in ein Meer der Artenvielfalt. 600 Vogelarten sind dort beheimatet, außerdem diverse Säugetierarten und Reptilien – ein Paradies für Naturliebhaber. Fantastisch! Zwei Übernachtungen in einer Urwald-Lodge betten uns regelrecht in dieses Paradies – einschließlich Moskitonetz – ein. Ein wahrer Sinnesrausch für Augen und Ohren. Schön, dass dabei auch der Magen und die Lachmuskeln nicht zu kurz kommen.

América Andina: Welches Erlebnis hat Sie besonders in Ihrer Urwald-Lodge fasziniert?

Rainer Lamotte: Eigentlich war der Aufenthalt insgesamt ein tolles Erlebnis. Aber besonders sind mir die Geräusche in Erinnerung geblieben: Als es dunkel wurde, wurde der Urwald still. Und als das erste Morgengrau am Horizont erschien, war das gesamte Urwaldorchester hörbar! Man brauchte keinen Wecker. Als die Sonne dann am Himmel stand, hat sich die Geräuschkulisse wieder auf ein Normalmaß mit einzelnen Vogelstimmen eingespielt. Ich habe außerdem bisher noch nirgendwo so viele Epiphyten gesehen, wie in Nicaragua, also Pflanzen, die auf anderen Pflanzen wohnen – zum gegenseitigen Nutzen. In Europa sind diese Pflanzen nur als Wohnzimmerpflanzen bekannt.

Ernesto-CardenalAls nächstes stand der Besuch auf dem Archipel Solentiname auf dem Reiseprogramm. 36 kleine Inseln gehören zu der am südlichen Ende des Nicaragua-Sees gelegenen Insel-Gruppe. Ich hatte schon als Student eine Verbindung zu Solentiname … Auf der größten Insel Mancarrón lebte in den 60er und 70er-Jahren der Priester, Dichter und spätere Kulturminister der sandinistischen Regierung, Ernesto Cardenal und lehrte die Bauern und Fischer Malerei und Schnitzkunst. Ein kleines Museum, die Bibliothek, die Schule und die erst vor kurzem neu renovierte Kirche erinnern an ihn, ebenso die vielen Frauen und Männer, die in ihren Häusern bis heute schnitzen, malen und ihre Produkte gerne auch an Touristen verkaufen, die dort die Schönheit der Landschaft, die Stille und Abgeschiedenheit – so wie auch wir – genießen. Aus zahlreichen Familien gingen Künstler hervor, die auch weit über die Landesgrenzen hinweg Berühmtheit erlangten. Die UNO hat mittlerweile diese Art „Bauernmalerei“ oder auch „naive Malerei“ genannte Kunst als eine von weltweit drei typischen, indigenen Malereien anerkannt. Dort hat Ernesto Cardenal mit seinem „Evangelium der Bauern von Solentiname“ auch seine Befreiungstheologie entwickelt, das mich schon im Studium beschäftigte. Lateinamerika und die Befreiungstheologie haben mich seitdem nicht mehr losgelassen – und jetzt war ich sogar direkt vor Ort!

Und noch eine Verbindung zu Mittelamerika gibt es im Leben von Rainer Lamotte: Er ist mit Fernando Costa, einem Sänger von „Grupo Sal“ befreundet. Und das Duo „Grupo Sal“ wiederum verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft und eine fruchtbare Zusammenarbeit mit erwähntem Ernesto Cardenal. Der fast 90-Jährige wird auf seinen Leserreisen gerne von „Grupo Sal“ begleitet. Rainer Lamotte hat Ernesto Cardenal in Nicaragua live erlebt, als die Pan y Arte-Gruppe das Poesie-Festival in Granada besuchte. Aber dazu mehr an späterer Stelle …

América Andina: Herr Lamotte, beschreiben Sie doch noch einmal genauer Ihre Empfindungen beim Besuch von Solentiname?
Rainer Lamotte: Solentiname war nicht nur ein besonderes Erlebnis, weil es der Wirkungsort von Ernesto Cardenal war, dem ich nach einer Konzertlesung mit ‚Grupo Sal‘ im Mai 2013 in Neustadt an der Weinstraße jetzt in Nicaragua zum vierten Mal begegnen durfte. Nach der Lektüre des ‚Evangeliums der Bauern von Solentiname‘ in den 70er-Jahren waren mir der Ort und die Lebensbedingen der Menschen besonders eindrucksvoll in Erinnerung geblieben, als sie diese Basistheologie oder Befreiungstheologie gemeinsam erarbeitet und gefeiert haben. Ich bin sehr froh, dass in Solentiname die Erinnerung daran sehr gepflegt wird!

América Andina: Haben Sie auch Mitbringsel von den Künstlern aus Solentiname erworben?

Rainer Lamotte: Für meine Enkel habe ich zwei kleine aus Balsa-Holz gefertigte und bunt angemalte Papageien mitgebracht, die dort in Heimarbeit hergestellt werden. Und von einer Reiseteilnehmerin habe ich in Deutschland eine Kopie eines Bildes dieser typischen Bauernmalerei erhalten, das mich natürlich auch immer wieder an Solentiname erinnern wird!

Und weiter geht die Reise. Nächste Stationen sind El Castillo, das Naturschutzgebiet Los Guatuzos und Granada. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die von einer Reise in Erinnerung bleiben.

Tiere-aus-BalsaholzAm Valentinstag, am 14. Februar, überrascht uns unser Begleiter und Bootseigner, José. Wir sind auf dem Weg zur Festung El Castillo, die die spanischen Konquistadoren zum Schutz gegen die Piraten errichten ließen, und legen einen kurzen Stopp an einer Wasserkastanie am Ufer des San Juan-Flusses ein. José zeigt uns eine bezaubernde Blume, die er aus der sich dort entwickelnden, zigarrenförmigen Hülse buchstäblich herausschält. Er beglückt damit die beiden Ehepaare, die unter uns sind und erinnert uns alle mitten im Urwald-Naturschutzgebiet daran, dass Valentinstag ist.
Am achten Tag unserer Studien- und Projekt-Reise geht es in das Naturschutzgebiet Los Guatuzos am Papaturro-Fluss. Dort gilt einer Schildkröten- und Kaiman-Aufzuchtstation mitten im Dschungel unsere besondere Aufmerksamkeit. Eine fantastische Pflanzen- und Tierwelt empfängt uns. Man kann sich gar nicht satt sehen. Extreme Artenvielfalt, wohin das Auge sieht.

América Andina: Sie beschrieben in Ihrem Bericht an verschiedenen Stellen mit Begeisterung die Natur Nicaraguas: Lohnt sich eine Reise nach Nicaragua vor allem auch wegen seiner natürlichen Schätze?

Rainer Lamotte: Ich habe ja noch lange nicht alles von Nicaragua gesehen. Der tropische Regenwald im Nord-Osten z. B. hat gefehlt und die gesamte Karibik-Küste. Aber allein schon das, was wir gesehen haben, lohnt eine Reise nach Nicaragua! Kein Zweifel! Gerade diese Mischung aus Natur, Kultur, Geschichte und Gegenwart haben den besonderen Reiz dieser einmaligen Reise ausgemacht – abgesehen davon, dass die Zusammensetzung unserer Reisegruppe sicher auch ein besonderer Glücksfall war!

Nächster Höhepunkt der Reise ist Granada, wo am Nachmittag ein Besuch in der „Casa de los Tres Mundos“ angesagt ist, in dem sich pro Woche nach Aussage des Leiters etwa 1.000 Schüler und Schülerinnen aufhalten. Es ist das ehemalige Wohnhaus von Ernesto Cardenal, als Haus der Künste gegründet und 1981 gestiftet. Theater, Konzerte, Lesungen, Mal- und Tanzkurse und immer wieder Begegnungen – dafür ist die Casa geschaffen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt in diesem Haus im Zentrum von Granada.

Mosaik-SchoenherrDie „Casa de los Tres Mundos“ beherbergt eine Musikschule mit 200 Schülerinnen und Schülern, die Camerata Bach, eine Geigenbauer-Werkstatt, die jetzt in private Hände übergeht, eine Clown-Schule und ein großes Porträt des langjährigen Vorsitzenden und Förderers von „Pan y Arte“, Dietmar Schönherr. Das Fußbodenmosaik kann nicht nur im Innenhof bewundert werden, sondern laut Aussage des Hausherrn sogar über Google-Earth. Es wurde zum 80. Geburtstag von Dietmar Schönherr2006 gestiftet. Ganz im Stile von Raumschiff Orion, in dessen gleichnamigem Film Dietmar Schönherr damals mitgespielt hat …

Auch in der Casa engagieren sich mehrere Freiwillige aus Deutschland und Österreich, zum Beispiel in der Kindermalschule, der Öffentlichkeitsarbeit und in der Musikschule. Für alle Beteiligten ein Segen. Viele Freiwillige kommen immer wieder einmal zurück. Mit dem Projekt „Locreo“ geht das Casa auch an die Ränder der Stadt zum Theater spielen und Musizieren. Es scheint das größte Projekt zu sein, das „Pan y Arte“ in Nicaragua finanziell unterstützt. Vielleicht auch der Leuchtturm seiner Arbeit. Liegt es doch mitten im Zentrum der alten Stadt Granada.

América Andina: Hatten Sie zufällig Gelegenheit, mit einem der Freiwilligen dort kurz ins Gespräch zu kommen? Was hat Sie beeindruckt?

Rainer Lamotte: Einer der Freiwilligen in der ‚Casa de los tres Mundos‘ hat uns mit einer Power-Point-Präsentation in die Arbeit im Haus eingeführt! Man hat sein großes Engagement förmlich gespürt. Später ist ein ehemaliger Freiwilliger unser Weggefährte gewesen, der jetzt in Granada zu Besuch war, um einen kleinen musikalischen Workshop anzubieten. Das scheint kein Einzelfall zu sein, wie wir erfahren und erlebt haben. Wir sind auch noch einem zweiten Freiwilligen begegnet, der gerade erst eingereist war – ebenfalls für einen kurzen Workshop. Wer einmal als Freiwilliger dort war, bleibt der Arbeit irgendwie verbunden – das fand ich toll. Es hat mich daran erinnert, dass ‚der Mensch eben nicht von Brot allein lebt‘ – sondern auch von der Kunst. Das ist wirklich nachhaltig und rund herum erfolgreich!

Wir waren da, ganz bewusst in dieser Zeit, weil in Granada gleichzeitig vom 15. bis 21. Februar das 11. Poesie-Festival stattfand. 115 Literaten aus aller Welt treffen sich jedes Jahr in Granada, es gibt abendliche Lesungen in den jeweiligen Landessprachen mit Übersetzungen, sowie viel Musik. Und die Welt war nicht nur poetisch zu Gast. Auch viele Touristen aus aller Welt waren gekommen, die Hotels ausgebucht, die Straßen-Cafés bis spät in die Nacht besucht. Ernesto Cardenal hat am ersten Tag mit kurzen Gedichten und seinem Protest gegen den in Nicaragua geplanten Bau eines Kanales zwischen der Karibik, dem Atlantik und dem Pazifik das Poesie Festival eröffnet. Der Kanal wird von Chinesen geplant, finanziert und vielleicht wirklich gebaut? Der Protest dagegen ist nicht zu überhören, zumal in unmittelbarer Nachbarschaft des Panama-Kanals, der derzeit ausgebaut wird.

America Andina: Welchen Eindruck hatten Sie von Ernesto Cardenal?

Rainer Lamotte: Das Poesie-Festival in Granada war für viele der kulturelle Höhepunkt der Reise. Nicht nur, weil der „Altmeister“ Ernesto Cardenal selbst das Festival trotz mancher Widerstände und Hindernisse eröffnet hat. Sichtbar gealtert trat er in alter politischer Frische auf. Sein Thema war der befürchtete, aber geplante Kanal zwischen Atlantik und Pazifik, der auch ganz Nicaragua und besonders auch den Nicaragua See beeinträchtigen wird. Er gab in der Eröffnung ein politisches Statement ab, wie in alten Zeiten und genauso frisch wie damals. Tröstlich zu wissen, dass er viele Literaten aus aller Welt in seinem Kampf für Nicaragua und seine Menschen an seiner Seite hat!

Die angegliederte Musikschule der „Casa de los Tres Mundos“ mit 50 Kindern unter zehn Jahren verdient einen eigenen Besuch. Fast alle singen im Kinderchor mit. Einige spielen in der Kinder-Brass-Band. Viele lernen ein Blasinstrument. Die Instrumente werden auch nach Hause ausgeliehen. Ein Kammerorchester besucht in der Vorweihnachtszeit Altenheime, Waisenhäuser, Gefängnisse und Krankenhäuser. Wir treffen Frau Hoppe-Ritter, ihren Bruder und deren Familien, die als Ritter-Sport-Unternehmen seit vielen Jahren die Arbeit von „Pan y Arte“ in Nicaragua großzügig unterstützen. Langsam versteht man, dass Brot und Kunst die wichtigsten Nahrungsmittel für Menschen sind. Wahnsinn. Manche deutsche Musikschule wäre froh, wenn sie einen solchen Zulauf hätte und so früh und mit derart enthusiastischer Beteiligung mit musikalischer Erziehung beginnen könnte.

Am 11. Tag steht ein Besuch auf dem Vulkan Masaya an, der ständig „Schwefelhaltiges“ raucht. Der Künstlermarkt in Masaya, den wir auch noch besuchen, ist weit über seine Grenzen hinaus bekannt.

Der 12. Tag beschert uns nochmals eine Reise nach Managua, genauer in die „Deutsch-Nicaraguanische Bibliothek“ mit dem Bücherbus „Bertolt Brecht“, die ebenfalls von „Pan  y Arte“ größtenteils mitfinanziert werden. Auch hier sind regelmäßig Freiwillige aus Deutschland und Österreich, die die Arbeit hier vor Ort mit unterstützen. Wir werden mit einem Stockpuppen-Theaterstück empfangen. Die derzeitige Freiwillige gibt auch Deutschunterricht. Zehn Angestellte verdienen hier ihr Brot, das macht deutlich, dass auch Arbeitsplätze durch diese Projekte geschaffen werden. Seit 2001 gibt es einen Neubau, der jetzt noch um eine Empore für weitere Bücher-Regale erweitert werden soll. Bücher werden in Nicaragua gekauft, andere kommen aus Deutschland.  Nachmittags kommen Schulkinder. Es wird gelesen, erzählt, gemalt, getanzt und szenisch gespielt. Die Regale sind offen, Bücher können selbst ausgesucht und geholt werden. Ein Senioren-Literatur-Kreis mit ca. 30 Mitgliedern unterstützt die Bücherei und den Bücher-Bus. Ziel ist es, Werte und Kultur zu erhalten! 11.190 große und kleine Leserinnen und Leser wurden 2014 erreicht und insgesamt 11.275 Bücher ausgeliehen.

Seit 1981 gibt es den Bücherbus, der damals eine Spende aus der DDR war. 2014 wurden mehr als 3.000 Häftlinge in Gefängnissen mit Büchern erreicht und fast 4.000 Kinder in verschiedenen Stadtteilen und Schulen.

Stolze Zahlen, die deutlich machen, dass beide Projekte mit ihren Aktivitäten Erfolge verzeichnen, vor denen man nur tiefen Respekt haben kann.

Am vorletzten Tag fahren wir in das 1998 vom Hurrikan „Mitch“ vollkommen überschwemmte und zerstörte Dorf Malacatoya. Hier unterstützt „Pan y Arte“ den Aufbau des Dorfes in unmittelbarer, vor Überschwemmung sicherer Nachbarschaft. Dietmar Schönherr hatte vor einigen Jahren dort Gelände gekauft. 130 Familien haben neue Häuser bekommen. Immer zwölf Menschen  haben zwölf Häuser gebaut, die dann anschließend unter den Bewohnern verlost wurden.

Sie sind im Grundbuch als Eigentümer vorgemerkt, aber noch nicht eingetragen, um einen sofortigen Weiterverkauf zu verhindern. „Pan y Arte“ hat dort auch eine Bäckerei aufgebaut, wo auch Lehrlinge ausgebildet werden. Das ist sie ihrem Namen schuldig. Jetzt sucht man neue Vermarktungsmöglichkeiten; ein neuer Betreiber der Bäckerei ist bereits gefunden. Ein Gesundheitszentrum, Schulen, ein Supermarkt und eine Polizeistation bereichern ebenfalls das neue Dorf. Dort gibt es auch eine Kinderbuch-Ecke, die mittlerweile zu klein geworden ist und wegen Rissen im Bauwerk noch dieses Jahr im Hof neu errichtet werden soll. Bis zur Regenzeit muss alles unter Dach und Fach sein. Gut investierte 25.000 USD.

Am vorletzten Tag ersteigen ein paar Teilnehmer der Projekt-Reise noch den erloschenen Vulkan Mombacho, um nach erlebtem subtropischem Trockenwald, tropischem Regenwald nun auch noch tropischen Nebelwald zu erleben – mit seiner üppigen Fauna und Flora und seiner schier unendlichen Zahl epiphyter Pflanzen, die ihre Existenz eben auf anderen Pflanzen fristen – Huckepack sozusagen. Nur voller Ehrfurcht kann man von diesem Erlebnis berichten, das uns gegen Nachmittag einen wunderschönen Blick nach Granada und zum Nicaragua-See beschert, nachdem sich der Nebel etwas gelichtet hatte.

América Andina: Zum Abschluss noch ein paar Fragen zu Nicaragua als Reiseland. Empfinden Sie die Menschen dort als besonders gastfreundlich? Haben Sie ein Beispiel?

Rainer Lamotte: Wir haben kaum private Kontakte gehabt. Aber was wir so generell bei unseren Besuchen in den unterschiedlichsten Einrichtungen erlebt haben, lässt auf eine ausgedehnte Kultur der Gastfreundschaft schließen! Das haben wir in den Projekten von ‚Pan y Arte‘ aber ebenso des ‚Marie-Schlei-Vereins‘ erlebt.

América Andina: Fühlten Sie sich auf Ihrer Reise sicher?

Rainer Lamotte: Zu jedem Zeitpunkt. Und das nicht nur, wenn wir als Gruppe unterwegs waren. Gerade in Granada, wo wir ja alle öfter auch allein morgens, mittags, abends oder auch nachts zu unserem kleinen Hotel gingen, wurden wir nie belästigt. Ich jedenfalls habe mich auch als nicht spanisch sprechender Reisender immer sehr sicher gefühlt!

América Andina: Sie kennen Afrika sehr gut. Im Vergleich: Kommt Ihnen Nicaragua noch ärmlicher vor? Leiden die Menschen? Arrangieren Sie sich? Wie ist Ihrer Meinung nach das Lebensgefühl der Nicas?

Rainer Lamotte: Im Gegensatz zu Afrika habe ich in Nicaragua viel mehr den Eindruck, dass die meisten Menschen zufrieden sind und auch mehr auf die Sauberkeit in ihrer Wohnumgebung achten! Nicaragua kam mir im Gegensatz zu Afrika gar nicht ärmlich vor. Ich habe bei den meisten Menschen, die uns in Nicaragua begegnet sind, ein sehr positives Lebensgefühl gespürt, auch wenn ihre Lebensverhältnisse manchmal ärmlich bis bescheiden waren!

América Andina: Wie haben Ihnen die Städte gefallen, die Sie besucht haben? Welche Stadt hat Ihnen besonders gefallen – und warum?

Rainer Lamotte: Wir haben ja Managua, León, San Carlos und Granada als größere Städte besucht. Sie haben mir alle sehr gut gefallen, wobei mich Granada mit seinem jahrhundertealten kulturellen Erbe besonders beeindruckt hat. Die alten Kirchen, Paläste und Wohnhäuser der Aristokraten haben die Erinnerung an bessere Zeiten bewahrt und motivieren vielleicht auch wieder für den Kampf für bessere Zeiten. Granada hat mich auch deshalb besonders beeindruckt, weil ich den Eindruck hatte, dass am gerade stattfindenden Poesie Festival eben nicht nur eine kulturbeflissene Oberschicht, sondern quer durch alle Bevölkerungsschichten Menschen teilgenommen haben. Das stimmt sehr hoffnungsvoll für die Zukunft!

Großen Dank an „Pan y Arte“ für diese tolle Reise, für die tollen Projekte, die einige von uns kennen lernen, andere zum wiederholten Male besuchen durften. Großen Dank an unsere nicaraguanischen Reiseleiter Francisco und José und an unsere deutsche Reiseleiterin Ulla Nimpsch-Wiesker, die mit großem Einfühlungsvermögen die Reisegruppe leitete und somit auch ganz wesentlich, neben ihrer Kompetenz als Kennerin des Landes, zum Gelingen dieser Reise beitrug. Es waren unvergessliche Tage, die man vielen wünscht, denen „Pan y Arte“ und ihre Arbeit in Nicaragua am Herzen liegen.

Rainer Lamotte, Dekan i. R.

06.05.2015Schlagwörter zu diesem Artikel

 
Teilnehmer der Pan y Arte Projektreise im Jahr 2015
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Projektreise durch Nicaragua mit Pan y Arte

Begegnungsreise mit Projektbesuchen in Nicaragua

„Pan y Arte“ bedeutet „Brot und Kunst“ – und meint zugleich Leben und Freude! Lernen Sie die Bildungs- und Kulturprojekte kennen, mit denen der gleichnamige Verein Lebensfreude entflammen will, und genießen Sie die farbenprächtigen Kolonialstädte Nicaraguas, den Reichtum an Natur- und Kulturgütern und die Herzlichkeit der Menschen in diesem besonderen Reiseland, das immer noch ein Geheimtipp ist.

Highlights:
  • Begegnungen bei Projekten von „Pan y Arte e. V.“
  • Kolonialstadt León
  • Bootsfahrt durch das Naturschutzgebiet Isla Juan Venado
  • Bootstour im Cañón de Somoto
  • Granada
  • Dorfaufbauprojekt Los Ángeles
  • Vulkan Masaya
  • Ometepe
 
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