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Canopy: Am Stahlseil durch den Dschungel sausen

Abenteuersport Canopy: Unsere Kolleginnen Juliane Schmidt und Germaine Fonseca erzählen von ihren Erfahrungen mit Höhe und Geschwindigkeit in Costa Rica und Ecuador

Lateinamerika hat viel Urwald. Unberührte Wälder. Wälder, die nie bewirtschaftet wurden und die Lebensraum für viele seltene Tier- und Pflanzenarten sind. Rund um die Mittelachse der Erde wächst der tropische Regenwald – immergrün, immer warm und ohne erkennbare Jahreszeiten. Der größte tropische Regenwald liegt in Brasilien: Der Amazonas-Regenwald. Dort gibt es sogar Regionen, die wahrscheinlich noch nie ein Mensch betreten hat … Wir hoffen, dass dies noch lange so bleiben wird.

Für uns Menschen in allen Ecken der Welt ist der tropische Regenwald von unschätzbarer Bedeutung. Er ist der größte Süßwasserspeicher und wichtigste Sauerstoff-Lieferant der Erde. Und obwohl rund um den Globus bekannt ist, dass der Regenwald geschützt werden muss, ist er durch Rodung und Abholzung bedroht.

Aber es gibt einen anderen Weg, diese unersetzliche Ressource wirtschaftlich zu nutzen – ihr jedoch gleichzeitig Respekt zu zollen und sie in all ihrer Herrlichkeit zu erleben. Das haben pfiffige Touristiker erkannt und umgesetzt: Canopy lautet das Stichwort. Meine Kolleginnen Germaine Fonseca und Juliane Schmidt haben sich die fantastischen Wälder von Ecuador und Costa Rica auf „Canopy-Art“ aus einer besonderen Perspektive angesehen, die bei mutigen Touristen ganz oben auf der To-do-Liste steht: Hängend an einem Stahlseil!

Canopy ist der Fachbegriff für eine Art – sagen wir mal – Abenteuer-Sport. Sport eigentlich nur deshalb, weil der Puls ähnlich viele Schläge wie bei einer Extrem-Belastung erreicht, und das, obwohl die Beine nur untätig herunterbaumeln. Es ist das Adrenalin, das das Blut durch den Körper schießen lässt, so dass einem Hören und Sehen vergeht. Zumindest hat Kollegin Juliane so empfunden. Sie schlägt sich immer noch die Hände vor die Augen, wenn sie sich diesen kleinen Film ansieht, der genau das Seil zeigt, an dem auch sie hing – und dachte, ihr Ende sei nah …

Canopy-Fahrt im TandemDabei sieht sie sehr cool aus mit diesem Sicherheitsgeschirr um die Hüften. Die vielen Karabiner-Haken klimpern bei jedem Schritt. Aber warum sind es eigentlich so viele? Zur Sicherung der Sicherung der Sicherung? Und wie sieht es eigentlich mit einer Absturz-Statistik aus? „Und wieso überhaupt mache ich das hier”, hat sie sich im Stillen gefragt und noch einmal ungläubig von Plattform 1 des „Sky Trek Monteverde” in Costa Rica in die Tiefe geschaut. Der „Sky Trek Monteverde”  – das wohl bekannteste Canopy-Ziel in Costa Rica – umfasst neben neun Stahlseilen auf insgesamt drei Kilometern Länge zudem eine Seilbahn „Sky Tram”, die die (noch) Mutigen durch Primär-Regenwald auf den höchsten Berg fährt. Panorama-Sicht auf die Hügel von Monteverde und den Golf von Nicoya  inklusive! Schließlich gehört zum „Sky Trek”auch der „Sky Walk”, auf dem spektakuläre Hängebrücken tiefe Schluchten überqueren.

Während man den Sky Walk einzeln buchen kann, ist der Sky Trek nur in Verbindung mit der Seilbahn-Fahrt möglich. Juliane hat alles gemacht. Aber heimgesucht wird sie des Nachts immer nur von den Erlebnissen am Stahlseil …
Angefangen in Costa Rica, breitete sich der Sport über Panama, Nicaragua, Honduras, Mexiko nach Argentinien, Chile und Ecuador aus. Das System ist immer das gleiche, nur Länge und Höhe der Seile (auch oft Zip-Lines genannt) variieren: Zwischen Plattformen, zumeist stützend an riesigen Bäumen errichtet, sind Stahlseile gespannt, an denen Mutige – gut gesichert – von Plattform zu Plattform fahren. Die manchmal rasend schnelle Fahrt entsteht dadurch, dass die Start-Plattform höher liegt als die Ankunfts-Station.

Juliane Schmidt auf einer Sky-Walk-HängebrückeDas längst Stahlseil im „Sky Trek Monteverde” in Costa Rica misst fast zwei Sportplatzrunden und beginnt in 130 Metern Höhe! Das ist ordentlich. Wer Höhenangst hat, dem ist es vermutlich egal, dass der Ausblick von dort oben im besten Sinne atemberaubend ist. Juliane jedenfalls wagt vor Schreck kaum zu atmen. Rundherum versucht zwar das herrliche Grün der uralten, riesigen Bäume die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber der Gedanke, gleich einen Schritt ins Leere zu machen und dann losgelöst (also fast!) über die Baumwipfel zu rasen, nimmt doch eher ihre ganze Aufmerksamkeit  in Anspruch.
„Es war einfach so hammerhoch … Und man hängt nur an diesem einen Seil … Es war schrecklich”, erinnert sich Juliane – aber sie lacht dabei wenigstens. „Ich glaube, ich hatte die ganze Zeit die Augen geschlossen.”

Und trotzdem hat sie es geschafft, den gesamten Parcours zu meistern. Okay, man muss dazu sagen, dass es eigentlich gar nicht möglich war, den Sky Trek abzubrechen. „Wenn Du erstmal angefangen hast, musst Du weitermachen. Ich wüsste jedenfalls nicht, wie man mittendrin aufhören könnte …” Ließ die Angst denn wenigstens nach jeder gemeisterten Fahrt ein wenig nach? „Nein, eigentlich nicht. Ein bisschen besser wurde es erst, als die Höhe nicht mehr so schlimm war – also am Ende des Parcours.” Schlussfrage: Würdest Du es noch einmal machen? „Normales Canopy schon , aber nie wieder den Sky Trek”, sagt sie ehrlich.

Canopy übers TalUnd dann gibt es diejenigen, die vom Canopy gar nicht genug bekommen können. Kreischend und lachend rasen sie am Seil hängend durch den Dschungel. Die Tochter von Kollegin Germaine Fonseca ist in dieser Kategorie “ich will nochmal – ich will mehr – ich will schneller” einzuordnen. Sie liebt diesen Schwebezustand, der sich so einzigartig anfühlt. Ganz allein mit sich und der herrlichen Natur ist ihrer Meinung nach jede Fahrt viel zu kurz. Mutter und Tochter haben Canopy in Ecuador ausprobiert. Das „Mindo Canopy Adventure“ besteht aus einem insgesamt 3.500 m langen System mit zehn unterschiedlich langen (von 20 bis 400 m) und hohen Stahlseilen. Etwa eine Stunde dauert die Tour durch den gesamten Parcours.

Vor allem Tochter Giuliana konnte gar nicht genug bekommen. Nur am Seil sausen, das reichte der damals Zehnjährigen nicht. Wie Kate Winslet im Hollywood-Film „Titanic“, die mit weit ausgestreckten Armen am Bug des Ozeanriesen stand, wollte sie das Gefühl vom Fliegen haben. Die Fotos sprechen für sich: Mit weit ausgebreiteten Armen schwebt Giuliana, gesichert von einem professionellen Guide, über das Dickicht der Bäume …

Hatte ich erwähnt, dass die Geschwindigkeit nicht nur von der Neigung des Seils sondern auch vom Gewicht, das es trägt, abhängt? Je schwerer, desto schneller! Bei einer Tandem-Fahrt dürfte also einiges an Speed aufgenommen werden …

Landeanflug auf Canopy-PlattformWie die Tochter – so die Mutter. Oder wie heißt das nochmal? In diesem Fall war Germaine anfangs gar nicht begeistert vom Mut Giulianas. Sie selbst verspürte nämlich fast Panik, als es losgehen sollte. Die Höhe machte ihr zu schaffen und die Angst vor diesem einen schwierigen Seil, an dem sie die Fahrt selbst vor der nächsten Plattform abbremsen muss. Aber das wollte sie vor ihrer Tochter nicht zeigen, die sich wirklich begeistert in das Abenteuer stürzte. Also biss Germaine die Zähne zusammen. Als letzte in ihrer Gruppe wagte sie die Fahrt. Hat man den Absprung erst einmal geschafft – was ja an sich schon eine Leistung ist – „darf man sich sofort Gedanken über eine glückliche Ankunft machen“, erinnert sie sich an dieses besagte Seil, an dem sie selbst bremsen musste. Würde man mit zu viel Geschwindigkeit auf den Endpunkt treffen, schleudert man wieder zurück. Und so gehören richtig dicke Lederhandschuhe zur Standard-Ausrüstung. Eine Hand greift hinter der Führungsrolle auf das Stahlseil und fungiert so als Bremse. Letztendlich hat alles gut geklappt und die Lust, es sofort noch einmal auszuprobieren, war sofort da.

Canopy Start-PlattformDas heutige Canopy ist eigentlich eine bei indigenen Völkern abgeguckte Technik, die später von Botanikern und Naturforschern zur Beobachtung von wild lebenden Tieren in ihrer natürlichen Umwelt perfektioniert wurde. Dass daraus einmal ein beliebter Abenteuer-Sport entstehen würde, hätte wohl niemand für möglich gehalten.

Es heißt, Canopy wurde 1992 in Costa Rica geboren, als zwei kanadische Wissenschaftler den Urwald erforschen wollten, möglichst ohne in die Natur einzugreifen. Wenn wir von oben kommen, dachten sie sich, machen wir weniger Lärm und stören das Leben der Tiere nicht. Inzwischen haben sich viele Gesellschaften gegründet, die es auch Nicht-Wissenschaftlern ermöglichen, den einmaligen, undurchdringlichen Lebensraum Urwald aus der Vogelperspektive zu erfahren. Es ist vielleicht die aufregendste Art und Weise, den tropischen Regenwald zu erfahren und ihn gleichzeitig das sein zu lassen, was er ist: Ein Rückzugsgebiet für Tiere.

Ausrüstung und Vorbereitung für Canopy:

Wer Canopy ausprobieren möchte, sollte Lust auf Abenteuer und Geschwindigkeit haben, schwindelfrei sein und keine Höhenangst haben. Zudem muss man sich auf eine aufwendige Sicherheitsausrüstung einstellen: Helm, Handschuhe, Leibgurte wie bei Fallschirmspringern, Karabinerhaken. Dazu gibt es eine kurze Einweisung zum Verhalten während der Fahrt und zum Bremsvorgang. Am besten trägt man lange Hosen, geschlossene Schuhe und hat eine leichte, wasserdichte Jacke dabei.

Mitbring-Liste:

  • Kamera
  • Fotoapparat
  • Helmkamera (mit genügend Batterien)

Dauer und Kosten:

Die Canopy-Touren in Mindo, Ecuador dauern etwa eine Stunde und kosten 16 USD (13 Euro, Stand November 2014). In diesem Preis inbegriffen sind der Verleih der Ausrüstung und ein professioneller Guide pro Gruppe (5 bis 6 Personen). Die Fahrt von der Stadt Mindo zum Canopy-Parcours dauert etwa eine viertel Stunde und kostet 2 Euro. Die Altersempfehlung lautet von 6  bis X Jahren, je nach eigenem Zutrauen und Fitness.

Sky Trek in Costa Rica: Dauer 3 bis 4 Stunden mit Anreise. Im Preis von 75 Euro (Stand 2014/2015) inbegriffen sind der Transfer von Monteverde und zurück, die Seilbahnfahrt auf den höchsten Berg, die Ausrüstung und ein englischsprachiger Guide. Eine Altersempfehlung gibt es nicht, aber Kinder müssen eine Körpergröße von 3,9 Fuß haben, also umgerechnet 1,20 m.

Wenn Sie jetzt Lust auf Canopy bekommen haben, buchen wir Ihnen dieses Abenteuer gerne. Meine Kolleginnen Germaine Fonseca und Juliane Schmidt können sie wahrlich authentisch beraten!

12.11.2014
 
Canopy-Fahrt im Tandem in Costa Rica
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